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Eine Ode auf das Fußballgolf

Methadon für den Fußballjunkie

Aus 11Freunde - Magazin für Fussballkultur

 

Aus gesundheitlichen Gründen kann unser Autor nicht mehr kicken. Dann entdeckte er das Fußballgolf. Und fühlt sich seither wie neugeboren.

Mein Bauch ist der Beweis für den Schmetterlingseffekt, denke ich. Dieser besagt, dass alles mit allem zusammenhängt, Aktion, Reaktion, ein Geben und Nehmen, und in diesem Sinne bedingt mein dämliches Rückenleiden und die damit verbundene sportliche Eingeschränktheit meinen bedenklich zunehmenden Bauchumfang und oh, ein Schmetterling, wie schön... Denke ich, während ich am 14. Loch stehe und ein Schmetterling an mir vorbeiidyllt. Ich habe meinen Ball bereits versenkt, locker mit der Sohle, na klar, nun halte ich den Kumpels, die noch dran sind, die Fußballgolflochfahne, wenn man sie so nennen will. Ramme sie ein paar Meter weiter triumphierend in den Boden und sehe dabei aus wie eine Ein-Euro-Shop-Version von Neil Armstrong, in gelbem Tetrapak-Eintrachttrikot und Fußballschuhen aus dem Schlussverkauf, der sich gerade seinen persönlichen Mond erschlossen hat. Nur eben mit mehr Bauch.

Ein Geschenk des Himmels

Ein paar Kilometer vor den Toren der Stadt, in der ich jetzt wohne, liegt eine Anlage, deren Sinn und Zweck mir vor wenigen Wochen noch gänzlich unbekannt war. Fußballgolf, heißt dieses Geschenk des Himmels, und es ist quasi eine Minigolf-Version auf Fußballplatzgröße, bei der man, klar, einen Fußball mit so wenigen Schüssen wie möglich an diversen Hindernissen vorbei in ein Loch schießen muss. Und das achtzehn Mal. Selten habe ich einen weniger coolen Satz geschrieben, aber es ist doch so: Das Leben ist eine verräterische Angelegenheit. Unablässig nimmt es einem Dinge weg und ersetzt diese durch andere, weniger schöne Dinge. Die große Freiheit des Heranwachsens weicht Mahnungen vom Finanzamt. Das Gefühl am letzten Schultag vor den Ferien weicht dem Termin beim Chef im Büro. Oft merkt man gar nicht, dass man etwas zum letzten Mal tut, bis man dann beim Arzt sitzt und dieser einem mit regloser Miene sagt, die Abstoppbewegungen beim Fußball halte der Rücken nun mal nicht mehr aus, Herr Reich.

Kicken war wie wenige andere Dinge ein fester Teil von mir

Von allen Dingen, die mir verloren gegangen sind, fehlt mir der Fußball am meisten. Ich habe mein ganzes Leben lang gekickt, in diversen Teams, mit tausend netten Menschen und auch ein paar Arschgeigen. Ich habe viele Freunde gefunden und meine eigenen sportlichen Grenzen, habe auf Großfeld, auf Kleinfeld, auf Tartan, Beton, im Garten gekickt, gepöhlt, gebolzt, gezockt, sogar bei den Bundesjugendspielen und im Erdbeerfeld unseres Nachbarn, was mir eine Anzeige wegen Hausfriedensbruchs einbrachte, da war ich zehn. Kicken war wie wenige andere Dinge ein fester Teil von mir, war immer da. Und dann, plötzlich, war es weg. In den Monaten nach besagtem Arzttermin träumte ich ein bis zweimal die Woche davon, dass ich auf dem Platz stehe und kicke. Und dann, irgendwann, verschwand auch das. Ein paar Kumpels, ein paar Bälle, achtzehn Löcher Seither beschränkt sich meine sportlichen Aktivitäten auf eine ehrabschneidende Fitness-Variante namens EMS, bei denen ich an Elektroden angeschlossen Kräftigungsübungen machen muss und noch mehr nach Bratwurst aussehe, als sowieso schon. Das Zischen des Balles fehlt mir, die Art, wie man das Innere seines Brustkorbs spürt, wenn man eine weite Flanke mit der Brust annimmt. Das gute Gefühl, wenn der Ball den Fuß verlässt, das Klatschen des Tornetzes. Die Zeit mit den Jungs, die gemeinsamen Triumphe und Niederlagen, die allesamt dann doch recht klein und eher Trägermasse sind für eben dieses Zusammensein. Ein Phantomschmerz machte sich breit, von dem ich dachte, dass ich nun mit ihm leben müsste. Bis Fußballgolf in mein Leben trat.

Ein paar Kumpels, ein paar Bälle, achtzehn Löcher.

Der Sport ist, natürlich, wesentlich weniger dynamisch als der echte Fußball. Aber alles andere, was den Fußball zu einer so spaßigen Angelegenheit macht, ist da. Der Geruch von frisch gemähtem Rasen. Das Gejohle, wenn mal wieder einer eine Großchance versemmelt. Die vielen, vielen blöden Sprüche. Die kleinen Sticheleien, wenn es an der Spitze plötzlich eng zugeht. Herrgott, man kann sich sogar einen Bollerwagen voller Bier mieten, wenn man möchte (und man möchte). Der Himmel, denke ich, während ich meinen Ball ohne Not aus einem Meter am Loch vorbeischiebe und von einer Welle des Spottes getroffen werde.

Der Hami Mandirali des Fußballgolfs

 Klar, das Klatschen des Netzes fehlt. Auch hat man eher selten bis gar nicht die Gelegenheit, mal ordentlich draufzuhalten, auch wenn das offensichtlich nicht jeder meiner Kumpels verstanden hat. Es gibt auch keine Flanken, die man mit der Brust annehmen kann, und das Gefühl, ein Tor zu schießen, ist schon noch geiler als das schönste Hole-in-One. Dennoch: Fußballgolf ist Methadon für den Fußballjunkie. Zumal viele hässliche Dinge, die ich beim Fußball immer eher ungern gemacht habe, nicht vonnöten sind: Laufen. Defensivarbeit. Laufen. In der Defensive helfen. Laufen. Auch mal hinten mitarbeiten. Laufen. Abwehrarbeit. Laufen. Usw.

Einen Sprint ziehe ich dann doch an, als es gilt, neues Bier zu holen. Am Ende werde ich zweiter, schon wieder. Im Freundeskreis macht sich der Name Vize-Reich breit, weil ich bereits bei der ersten Partie nur zweiter wurde. Bin ich etwa der Michael Ballack des Fußballgolfs, und nicht, wie zuvor großmäulig angekündigt, Fußballgolfs Franz Beckenbauer? Egal, denke ich, während wir nach der Partie zusammensitzen und gemeinsam die Heldentaten nachbereiten. Ich wäre auch der Hami Mandirali des Fußballgolfs, wenn das bedeuten würde, dass ich wieder regelmäßig einem Sport nachgehen kann, der zumindest in den Grundfesten an jenen Sport erinnert, den ich so heiß und innig immer noch liebe. Abstoppbewegungen gibt es übrigens keine, eher ist der ganze Sport eine einzige, langsame Abstoppbewegung. Auch mein Bauchumfang wird sich vom Fußballgolf nicht sonderlich verändern, zumindest nicht zum Guten. Aber darum geht es ja auch gar nicht.

Quelle: 11Freunde - Magazin für Fußballkultur

Text: Stephan Reich

http://m.11freunde.de/artikel/eine-ode-auf-das-fussballgolf?kompletter-artikel

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